"Wenn man den Kopf einmal ganz frei von allem machen könnte, für einen Moment nur, alle Schubladen der Erinnerung fest zugeschoben (...), abgeschottet von allen Eindrücken: ein leeres Gefäss sein." Aus "Wach" von Albrecht Selge
Dienstag, 2. Oktober 2012
langsam und klein
Es sind die kleinen Unterschiede in unserer komplexen Welt, die mich interessieren. Es sind auch die kleinen Unterschiede, die wir oft übersehen, die wir nicht berücksichtigen und für die wir kein Verständnis haben. Das finde ich schade. Denn es sind doch eben diese kleinen Unterschiede, die unsere persönlichen Leben ausmachen. Jeder Mensch alleine ist eine kleine Kultur für sich. Jeder hat seine eigenen Traditionen und Gewohnheiten. Wie soll ich die Werte und Weltvorstellungen eines Urstammes in Papua-Neuguinea verstehen, wenn ich den kulturellen Unterschied zwischen mir und dem älteren Ehepaar von der anderen Strassenseiten nicht verstehe? Wo soll ich die Energie herhohlen, nach Chile oder Indien zu reisen, wenn ich mein eigenes Umfeld noch nicht greifen kann? Warum, und das ist die zentrale Frage, die ich mir stelle, muss immer alles so schnell gehen? Warum konzentriert sich unser gesamtes Denken immer nur auf die Adjektive schnell und gross? Was ist, wenn ich einfach mal langsam und klein sein will? So sehr ich auch möchte, es scheint mir unmöglich die "grosse" Welt da draussen zu begreifen, wenn ich die "kleine" Welt in mir drin noch nicht verstehe.
Dienstag, 14. August 2012
Wohnst du noch oder dichtest du schon?
Die Tage, an denen der neue IKEA-Katalog im Briefkasten liegt, gehören zu den schöneren Tagen im Leben. Schon immer habe ich es als einfach herrlich empfunden, mich gemütlich mit einer Tasse Tee auf den Balkon zu setzen und die farbigen Seiten umzublättern und zu bestaunen. Im IKEA-Katalog ist alles in Ordnung. Wortwörtlich. Chaos existiert zwar im schwedischen Möbel-Universum, aber nur mit Stil. Und natürlich ist mit den ganzen praktischen (und spottbilligen) Einrichtungen alles ruckzuck aufgeräumt. Aber nicht nur in räumlicher Hinsicht ist in der Wohnbibel alles im grünen Bereich, auch das Wetter, die Gesundheit und das soziale Umfeld ist optimal auf die perfekte Kulisse abgestimmt. Nur strahlende Gesichter schauen einem entgegen, in den glänzenden Küchen findet man lediglich Früchte, Gemüse und Vollkornbrot und Regen haben die Bewohner der IKEA-Welt noch nie gesehen. Ja, den IKEA-Katalog durchzublättern ist die ideale Option zu jeder Droge.
Als ich heute in den Genuss kam in die farbige Welt der Möbel, Bettdecken und Lampen einzutauchen, wurde mir etwas bewusst: Dieser Katalog ist nicht nur ein Möbelkatalog und IKEA ist nicht nur ein Möbelgeschäft. Was heute den Weg in meinen Briefkasten gefunden hatte ist ein Poesie-Album und IKEA ist einer Dichterin. Hier eine Auswahl der zahlreichen Weisheiten aus dem aktuellen Dichterband:
- Es gibt mehr im Leben als Möbel
- Eine kleine Revolution des Lichts
- Chaos? Kannst du haben, musst es aber nicht zeigen
- Deine Unordnung ist in Ordnung
- Hier stehen dir alle Regale offen
- So klug. Darauf konnte nur ein Kind kommen
- Ein kluger Eingang bringt dich schneller hinaus (Mein absoluter Favorit-Spruch)
- Du kannst alles selber machen. Musst du aber nicht
- Diese Gute-Nacht-Geschichte dauert die ganze Nacht
- Die Einrichtung begann mit einer Schlummertaste
- Finde Ruhe und Frieden. Und deine Zahnpasta
- Das schönste beim Essen ist das Gespräch
- Kreativität passt in jeden Raum
- Sei immer und überall du selbst
- Inspiration kann dich jederzeit treffen
- Welches Sofa passt in dein Leben?
Als ich heute in den Genuss kam in die farbige Welt der Möbel, Bettdecken und Lampen einzutauchen, wurde mir etwas bewusst: Dieser Katalog ist nicht nur ein Möbelkatalog und IKEA ist nicht nur ein Möbelgeschäft. Was heute den Weg in meinen Briefkasten gefunden hatte ist ein Poesie-Album und IKEA ist einer Dichterin. Hier eine Auswahl der zahlreichen Weisheiten aus dem aktuellen Dichterband:
- Es gibt mehr im Leben als Möbel
- Eine kleine Revolution des Lichts
- Chaos? Kannst du haben, musst es aber nicht zeigen
- Deine Unordnung ist in Ordnung
- Hier stehen dir alle Regale offen
- So klug. Darauf konnte nur ein Kind kommen
- Ein kluger Eingang bringt dich schneller hinaus (Mein absoluter Favorit-Spruch)
- Du kannst alles selber machen. Musst du aber nicht
- Diese Gute-Nacht-Geschichte dauert die ganze Nacht
- Die Einrichtung begann mit einer Schlummertaste
- Finde Ruhe und Frieden. Und deine Zahnpasta
- Das schönste beim Essen ist das Gespräch
- Kreativität passt in jeden Raum
- Sei immer und überall du selbst
- Inspiration kann dich jederzeit treffen
- Welches Sofa passt in dein Leben?
Mittwoch, 27. Juni 2012
Wieder einmal letzte Male
Man schiebt ihn
wochenlang vor sich hin. Man versucht ihn nicht zu beachten, obwohl man ihn in
der Ferne erkennt. Man zögert und zweifelt. Und dann plötzlich ist er da, ohne
Anfang und ohne Ende. Das seltsame Gefühl im Bauch wird zu einem tonnenschweren
Stein, wenn er kommt. Man spricht Worte aus und gibt ihnen mehr Bedeutung, als
was sie eigentlich haben, wenn er kommt. Man nimmt Worte auf und legt sie auf
die empfindlichste Goldwaage der Welt, wenn er kommt. Man will auf keinen Fall
etwas Falsches machen oder etwas Falsches sagen, wenn er kommt. Der letzte
Eindruck ist fast so wichtig wie der erste. Alles was er mit sich bringt ist
unerträglich. Man will ihm keinen Platz geben, man will ihn erdrücken oder von
sich schieben. Aber er nimmt sich den Platz den er braucht und egal was man
macht so breitet er sich hemmungslos aus. Um einen ist es grau und blau, wenn
er kommt. Unabhängig vom Wetter so regnet es an den Tagen, an denen er kommt.
Jeder Abschied ist ein kleiner Tod.
Heute musste ich Abschied nehmen von meiner grossen berliner
Liebe. Nach einer zweimonatigen, innigen, liebevollen und abwechslungsreichen
Beziehung wurde heute ein Schlussstrich gezogen. Einfach so. Zwischen Tür und
Angel. Von hier auf jetzt. Mein Fahrrad ist nun endgültig verkauft. Ich
vermisste es schon, als ich es wegrollen sah, denn ich wusste, mit dem Fahrrad
verschwindet auch alles andere. Meine tägliche Fahrradstrecke durch die halbe
Stadt. Das Rumschreien, Rumgrölen und Rumalbern in der Schauspielschule. Alle
wunderbaren Menschen um mich herum. Mein schönes WG-Zimmer. Meine Aussicht auf
die Strassenbahn. Die schönen Nachmittage mit Latte Machiato in den neuköllner
Cafés. Die mittaglichen Picknicks im kreuzberger Park. Die Sommerrollen und
Thai-Nudeln beim Asiaten um die Ecke. Das Schlendern über den türkischen Markt.
Die spontanen Theaterbesuche im Berthold-Brecht-Theater. Das Rumhocken in
verrauchten Bars. Die schönen Graffiti-Wände. Das Multi-Kulti-Leben. Die
veganen Gulasch-Eintöpfe in der WG-Küche. Die morgendlichen Dialog-Proben und
das Vor-Proben-Quatschen. Und zuletzt: Mein Zwischenjahr. Ja, wieder Mal bin
ich an einem Punkt angelangt, wo sich all diese blöden letzten Male anhäufen
und um Aufmerksamkeit schreien. Kann mir mal jemand sagen, wie man damit
umgehen soll? Ich schwanke immer zwischen ignorieren und bewusst wahrnehmen.
Aber wenn ich etwas in diesem Jahr gelernt habe, so ist es, dass es immer und
immer wieder letzte Male, Abschiede und Enden geben wird. Da gibt es wohl
nichts dran zu rütteln, auch wenn es wirklich nicht schön ist.
In vier Tagen werde ich in meinem Wohnzimmer, auf meinem
Sofa sitzen. Ich werde mein Geschirr benutzen und meinen Kühlschrank aufmachen.
Ich werde in meiner Dusche duschen, meinen Schrank aufmachen, meine Schubladen
öffnen. Das geht einfach nicht in meinen Kopf rein, dieser Gedanke hat keinen
Platz.
Mittwoch, 4. April 2012
Kein trauriger Tag
Heute ist der letzte Tag in Brüssel. Es ist nicht der erste letzte Tag in Brüssel. Ich hatte schon viele letzte Tage in Brüssel. Es ist nicht der traurigste letzte Tag in Brüssel. Ich würde fast behaupten, dass von all den letzten Tagen in Brüssel, die ich bis jetzt erlebt habe, das hier der schönste ist. Nicht, weil ich froh bin Brüssel zu verlassen. Im Gegenteil, ich bin sogar sehr traurig darüber. Wie bei allen letzten Tagen in Brüssel, und überhaupt wie an allen letzten Tagen an irgendwelchen Orten, so verlasse ich nicht nur die Stadt, sondern auch ein Kapitel in meinem Leben. Das finde ich traurig. Aber es ist der erste letzte Tag in Brüssel, an dem ich mit mir und Brüssel im Reinen bin. Und deshalb ist heute kein trauriger Tag.
Mittwoch, 28. März 2012
Schrei
Es ist ein Kribbeln und Krabbeln
ein Kitzeln, ein Zittern, ein Plätschern, ein Zappeln, ein Brodeln, ein Springen, ein Hüpfen, ein Lachen, ein Blubbern, ein Gluggern, ein Rennen, ein Stolpern, ein Storkeln
ein Fallen
und mündet in einem stummen
Schrei
ein Kitzeln, ein Zittern, ein Plätschern, ein Zappeln, ein Brodeln, ein Springen, ein Hüpfen, ein Lachen, ein Blubbern, ein Gluggern, ein Rennen, ein Stolpern, ein Storkeln
ein Fallen
und mündet in einem stummen
Schrei
Samstag, 25. Februar 2012
Notizen
Ich schaue mein altes Notizbuch durch und finde diesen Eintrag vom 28.11.2011:
"Vor einigen Monaten war es noch speziell alleine in unserer Wohnung zu übernachten. Jetzt übernachte ich alleine in einem Haus in Brüssel. Die Zeit geht so schnell, die Welt ist so gross. Ich habe Heimweh. So viele Dinge, die sich verändern und ich vergesse wie es vorher war."
Ausserdem finde ich eine Lebens-To-do-Liste:
- Kochkurs
- Fotokurs
- ungeplantes Interrail
- alleine verreisen
- für längere Zeit in spanischsprechendem Land leben
- chinesisch, russisch und arabisch lernen
- reiten lernen
- klavier spielen lernen
- Gitarre spielen lernen
- Theaterpädagogik ausüben
- Buch schreiben
- Poetry Slam machen
- Theaterstück inszenieren
- tanzen
- lustiges Kino
- alleine ins Kino gehen
"Vor einigen Monaten war es noch speziell alleine in unserer Wohnung zu übernachten. Jetzt übernachte ich alleine in einem Haus in Brüssel. Die Zeit geht so schnell, die Welt ist so gross. Ich habe Heimweh. So viele Dinge, die sich verändern und ich vergesse wie es vorher war."
Ausserdem finde ich eine Lebens-To-do-Liste:
- Kochkurs
- Fotokurs
- ungeplantes Interrail
- alleine verreisen
- für längere Zeit in spanischsprechendem Land leben
- chinesisch, russisch und arabisch lernen
- reiten lernen
- klavier spielen lernen
- Gitarre spielen lernen
- Theaterpädagogik ausüben
- Buch schreiben
- Poetry Slam machen
- Theaterstück inszenieren
- tanzen
- lustiges Kino
- alleine ins Kino gehen
Mittwoch, 8. Februar 2012
Eine Minute
Sechzig Schritte, sechzig Schritte, Stunde um Stunde
Und Tag um Tag
Ein Gefangener, der sich ständig befreit und flüchtet,
und doch immer da ist.
Du schaffst es ungefähr eine Länge eines Steinwurfes zu laufen.
Du schaffst es ein grosses Glas Milch zu trinken
Und dazwischen zu atmen
Du schaffst es eine halbe Seite zu lesen und vielleicht deinen Namen
Darunter zu schreiben
In einer Minute
Ein Schuss kann gefeuert werden, sein Ziel erreichen und töten
Eine Grube kann zusammenstürzen und zwei Autos
Können zusammenstossen
In einer Minute
Ohne seine Frische zu verlieren
Eine Minute kann dein Herz zum stocken bringen
Oder entleeren
Die Formel, welche die Welt zerstört, kann geschrieben werden
In einer Minute
Frei übersetzt, Original auf Schwedisch von Artur Lundkvist
Als ich vor einem halben Jahr (ich kann nicht fassen, dass es schon ein halbes Jahr her ist) noch als Kassiererin arbeitete, spielte sich folgende Szene ab: Ein kleiner Junge bezahlte in grösster Eile sein Eis ohne ein Wort zu sagen. Kaum hatte er sein Rückgeld erhalten schnappte er sich seinen Einkauf und rannte im Höchsttempo davon. Eine ältere Dame stand hinter dem Jungen und schaute ihm nach. Danach wandte sie ihren Blick zu mir und meinte: „Er ist noch jung, hat noch viel vor. Deshalb hat er es so eilig.“ Ich lächelte, nickte und dachte: „Ich auch.“
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