Mittwoch, 27. Juni 2012

Wieder einmal letzte Male

Man schiebt ihn wochenlang vor sich hin. Man versucht ihn nicht zu beachten, obwohl man ihn in der Ferne erkennt. Man zögert und zweifelt. Und dann plötzlich ist er da, ohne Anfang und ohne Ende. Das seltsame Gefühl im Bauch wird zu einem tonnenschweren Stein, wenn er kommt. Man spricht Worte aus und gibt ihnen mehr Bedeutung, als was sie eigentlich haben, wenn er kommt. Man nimmt Worte auf und legt sie auf die empfindlichste Goldwaage der Welt, wenn er kommt. Man will auf keinen Fall etwas Falsches machen oder etwas Falsches sagen, wenn er kommt. Der letzte Eindruck ist fast so wichtig wie der erste. Alles was er mit sich bringt ist unerträglich. Man will ihm keinen Platz geben, man will ihn erdrücken oder von sich schieben. Aber er nimmt sich den Platz den er braucht und egal was man macht so breitet er sich hemmungslos aus. Um einen ist es grau und blau, wenn er kommt. Unabhängig vom Wetter so regnet es an den Tagen, an denen er kommt. Jeder Abschied ist ein kleiner Tod.


Heute musste ich Abschied nehmen von meiner grossen berliner Liebe. Nach einer zweimonatigen, innigen, liebevollen und abwechslungsreichen Beziehung wurde heute ein Schlussstrich gezogen. Einfach so. Zwischen Tür und Angel. Von hier auf jetzt. Mein Fahrrad ist nun endgültig verkauft. Ich vermisste es schon, als ich es wegrollen sah, denn ich wusste, mit dem Fahrrad verschwindet auch alles andere. Meine tägliche Fahrradstrecke durch die halbe Stadt. Das Rumschreien, Rumgrölen und Rumalbern in der Schauspielschule. Alle wunderbaren Menschen um mich herum. Mein schönes WG-Zimmer. Meine Aussicht auf die Strassenbahn. Die schönen Nachmittage mit Latte Machiato in den neuköllner Cafés. Die mittaglichen Picknicks im kreuzberger Park. Die Sommerrollen und Thai-Nudeln beim Asiaten um die Ecke. Das Schlendern über den türkischen Markt. Die spontanen Theaterbesuche im Berthold-Brecht-Theater. Das Rumhocken in verrauchten Bars. Die schönen Graffiti-Wände. Das Multi-Kulti-Leben. Die veganen Gulasch-Eintöpfe in der WG-Küche. Die morgendlichen Dialog-Proben und das Vor-Proben-Quatschen. Und zuletzt: Mein Zwischenjahr. Ja, wieder Mal bin ich an einem Punkt angelangt, wo sich all diese blöden letzten Male anhäufen und um Aufmerksamkeit schreien. Kann mir mal jemand sagen, wie man damit umgehen soll? Ich schwanke immer zwischen ignorieren und bewusst wahrnehmen. Aber wenn ich etwas in diesem Jahr gelernt habe, so ist es, dass es immer und immer wieder letzte Male, Abschiede und Enden geben wird. Da gibt es wohl nichts dran zu rütteln, auch wenn es wirklich nicht schön ist.

In vier Tagen werde ich in meinem Wohnzimmer, auf meinem Sofa sitzen. Ich werde mein Geschirr benutzen und meinen Kühlschrank aufmachen. Ich werde in meiner Dusche duschen, meinen Schrank aufmachen, meine Schubladen öffnen. Das geht einfach nicht in meinen Kopf rein, dieser Gedanke hat keinen Platz.