Zurzeit bin ich zwei Dinge: Kassierin und Schauspielerin. Schaupspielerin und Kassierin. Beim einen die Chefin, beim andern der Unterhund. Aber auch die Kanti-Schülerin in mir, ist noch nicht ganz verschwunden. Das merkt man spätestens dann, wenn mir beim Waschmittel „Yvette“
sofort Yvette Zgraggen, die Autorin von „Mathias Berg“ in den Sinn kommt.
So, und nun einige Feststellungen bezüglich meines neuen Berufs:
Die Arbeit an einer Schnellkasse ist...
1. ... wie Tetris spielen. Die Produkte sollten möglichst schnell und möglichst ohne Lücken in das „Kassenfach" (Meine Güte, gibt es ein Wort dafür? Ihr wisst schon, diese Vorlage bei der Kasse, wo der Kunde seine Produkte in rausnimmt und einpackt) gelegt werden. Dabei gibt es in dieser Tetris-Version noch eine Extra-Challenge. Man muss auf die Empfindlichkeit, der Produkte achten. Auf keinen Fall ein schweres Milchpaket über ein fragiles kleines Joghurt legen, dann ist nämlich Gameover.
2. ... Multitasking auf höchstem Niveau. Welches Produkt zuerst? Ist es Aktion? Wie viele Brötchen haben Sie gekauft? WO IST DER SCHEISS STRICHCODE?!? Im Wagen steht auch noch ein Sechserpack Wasser. Mmmmhh es riecht nach frischem Brot... EGAL! WEITERMACHEN! Schreiendes Kind ignorieren. Nettes Gespräch mit Kundin über Waschmittel führen und gleichzeitig nach der Cumulus fragen. Schweiss abtrocknen. 57 Franken und 85 Rappen bitte. Ohh einen Gutschein haben Sie auch noch, ja dann sind es nur noch 47 Franken und 85 Rappen bitte. Sie zahlen mit Karte? Lieber nicht? Oder doch? Nein, lieber eine Hunderternote. Ja, das geht in Ordnung. Haben Sie eventuell, vielleicht wenn es geht noch 85 Rappen? Vielen Dank. Blabla. 52 Franken und 15 Rappen retour. Herrje soviele Zahlen. Wie zum Teufel sehen Zweifränkler schon wieder aus??? Soooodeli da wäre noch die Quittung. Vielen Dank, Adeeee, schöne Nomitag no, danke gliichfalls, merci ade, ja schöne Tag, danke adee!!!
3. ... Gift für meinen Rücken. Mehr gibt es da nicht zu sagen.
4. ... ein Theaterspektakel der Extra-Klasse. Ja, tatsächlich kommen hier auch meine schauspielerischen Fähigkeiten (falls ich diese denn nun haben) ins Spiel. Mal ganz im Ernst: Dass dieses Waschmittel einen milderen Geruch hat als jenes und dass dieses und dieses Brot das Liebelingsbrot von Frau Soundso, jedoch nicht der Topfavorit von Frau Balbla ist interessiert mich nicht wirklich. Trotzdem setze ich bei jedem Kunden mein breitestes Lächeln auf, nicke freundlich und spiele die nette, freundliche extrem interessierte Verkäuferin.
Doch die Konkurrenz ist hoch. Zumindest im musikalischen Bereich haben andere Mitarbeitende ein grosses Talent: Sie geben ihr „füfevierzg franke füfzg biiiiitte“ in einer Tonhöhe von sich, wie es nicht mal der beste Sopran tun könnte.
5. … nichts für Vegetarier. Wahrscheinlich hätte ich den Job gar nicht bekommen, würde in meinem Lebenslauf stehen, dass ich mich fleischlos ernähre. Kalbsmagen, Rindsschenkel und Schweinerücken steht offensichtlich bei einem Durchschnittseinkäufer täglich auf dem Menü. Nicht einmal Fertigsalat gibt es ohne Fleisch. SALAT! Das vegetarischste unter dem vegetarischen. Wovon soll man sich als Vegetarier da bitteschön noch ernähren?
Tagsüber hinter der Kasse die freundliche Kassierin, die ihre Kunden stets mit einem Lächeln bedient, abends auf der Bühne die strenge Chefin M, die mit ihrer Truppe den Verräter der Bande bestrafen will. Zum Glück liegt eine Zugstunde zwischen den beiden Welten. Ansonsten hätte ich zu wenig Zeit die Rollen zu wechseln.
Ps. Heute ist nicht Dienstag. Soviel zu meiner Regel.