Sonntag, 18. September 2011

Klick-Momente

"Manchmal ist man sich der grossen Augenblicke in seinem Leben bewusst, wenn sie passieren, manchmal steigen sie aus der Vergangenheit auf. Vielleicht verhält es sich mit Menschen genauso."

James Salter, Verbrannte Tage


Es gibt Dinge, die wir zueinander sagen, wenn wir uns verabschieden, wenn wir auseinander gehen, wenn wir etwas Grosses vor uns haben. Manchmal sagen wir uns diese Dinge, weil uns ein Mensch am Herzen liegt. Meistens aber sagen wir sie nur um die Stille zu füllen, die wir nicht auszuhalten verkraften. Mit vielen dieser Dinge kann ich nichts anfangen. Sie werden mir zugesteckt, zugeflüstert, in die Hände gelegt. Hilflos stehe ich dann da und würde sie lieber wieder zurückgeben. Nein, mit überflüssigen Worten habe ich nichts am Hut.

„Geniess es! Geniess den Moment!“ Eins dieser Dinge, das schon so oft unbedacht aus irgendwelchen Mündern plätscherte. Was soll ich denn mit dem Moment? Soll ich ihn einrahmen? Mir als Kette um den Hals hängen? Das ist doch genau das Problem mit Momenten: Wir können sie nicht festhalten. Seit längerer Zeit stelle ich mir die Frage, wie ich einen Moment bewusst geniessen kann, ohne ihn zu zerstören. Entweder ich erzwinge den Genuss, und dann bleibt mir für immer nur die Erinnerung des Zwangs. Oder ich versuche einfach zu leben. Zu leben und sorgenfrei durch die zahlreichen Momente zu gleiten. Dann rutschen mir die Augenblicke durch die Finger, entschwinden und steigen dann irgendwann als rosige kleine Erinnerungen aus der Vergangenheit auf.

Manchmal wünsche ich mir einen multifunktionalen, alle Wissenschaften überragenden Fotoapparat. Ein Gerät, das nicht nur das Visuelle, sondern auch Gerüche, Geräusche, Gefühle, Temperaturen, Stimmen, Berührungen aufnehmen könnte. Ein Fotoapparat zur Anwendung aller physisch und emotional wahrnehmbaren Dimensionen. Ein Fotoapparat, der Momente in ihrer vollsten Pracht festhält und immer wieder aufleben lassen kann. Wer könnte dieses Gerät besser beherrschen als der/ die Schreibende? Es sind die Klick-Momente, die ich niemals vergessen, niemals verlassen möchte.




Montag, 5. September 2011

Was ist schon eine Rede

„… und ich bin froh mit euch gearbeitet zu haben. Ihr seid eine echt tolle Truppe, keine Zugfahrt zu euch habe ich bereut. Danke!“ Klatsch klatsch klatsch, jubel jubel. Es war keine aussergewöhnliche Rede, es wurde nichts Unerwartetes oder Überraschendes gesagt. Es war einfach eine dieser Reden, wie man sie an Geburtstagen, Geschäftsessen oder Hochzeiten zu hören bekommt. Für Aussenstehende hört es sich nach typischen 0815-Floskeln an, wie wenn der Sänger von Mando Diao seinem Publikum in Zürich sagt, es sei das beste Publikum, für das er je gespielt habe, in Wirklichkeit aber gar nicht weiss in welcher Stadt er ist. Eventuell könnte man die Rede nicht einmal einem bestimmten Anlass zuordnen. Eine Standardrede gehört zu jedem Fest. Als ich die Theater-Beiz letzten Samstag betrat, war ich mir der Wichtigkeit der bevorstehenden Rede auch gar nicht bewusst. Im Grunde genommen enthielt sie auch nicht einen besonders hohen Informationsgehalt und wäre sie ausgefallen, ich hätte sie nicht vermisst. Aber das aussergewöhnliche an dieser Rede war, dass sie mich betraf. Natürlich ist es nicht die erste Rede die ich höre und auch nicht die erste die mich auf irgendeine Art und Weise betrifft, die Matura-Rede, soll hier, obwohl ich mich an deren Inhalt nicht mehr erinnere, als aktuellstes Beispiel erwähnt sein. Doch die Worte bezüglich meines bzw. unseres Schulabschlusses schienen so naheliegend, so voraussehbar. Ganz anders die Rede in der Theater-Beiz. Zuerst nahm ich sie gar nicht wahr, beugte mich dem Gruppenzwang und klatsche höflich mit. Ich hörte die Rede als Aussenstehende, dachte mir Dinge wie „Wie nett so eine schöne kleine Rede, macht die Stimmung doch gleich etwas festlicher“ oder „Wie erwachsen und reif es doch ist, wenn man einer Rede zuhört“. Doch als die Rede etwa in der Mitte angelangt war, durchfuhr mich plötzlich ein Gedanke und es war mir, als sähe ich die redehaltenden Leute vor mir nun in Farbe anstatt nur in Grautönen, als hörte ich die Worte nun in ihrer vollsten Bedeutung anstatt nur als Aneinanderreihungen von Buchstaben. Ich war sehr Dankbar für diesen Geistesblitz, denn ich war mir plötzlich vollkommen bewusst: Für einmal war ich nicht aussenstehende Zuhörerin, sondern ich war ein Teil dieser Rede, ich war ein Teil dieser Gesellschaft und ich war ein Teil dieser Atmosphäre.