In vier Tagen werde ich in meinem Wohnzimmer, auf meinem
Sofa sitzen. Ich werde mein Geschirr benutzen und meinen Kühlschrank aufmachen.
Ich werde in meiner Dusche duschen, meinen Schrank aufmachen, meine Schubladen
öffnen. Das geht einfach nicht in meinen Kopf rein, dieser Gedanke hat keinen
Platz.
"Wenn man den Kopf einmal ganz frei von allem machen könnte, für einen Moment nur, alle Schubladen der Erinnerung fest zugeschoben (...), abgeschottet von allen Eindrücken: ein leeres Gefäss sein." Aus "Wach" von Albrecht Selge
Mittwoch, 27. Juni 2012
Wieder einmal letzte Male
Man schiebt ihn
wochenlang vor sich hin. Man versucht ihn nicht zu beachten, obwohl man ihn in
der Ferne erkennt. Man zögert und zweifelt. Und dann plötzlich ist er da, ohne
Anfang und ohne Ende. Das seltsame Gefühl im Bauch wird zu einem tonnenschweren
Stein, wenn er kommt. Man spricht Worte aus und gibt ihnen mehr Bedeutung, als
was sie eigentlich haben, wenn er kommt. Man nimmt Worte auf und legt sie auf
die empfindlichste Goldwaage der Welt, wenn er kommt. Man will auf keinen Fall
etwas Falsches machen oder etwas Falsches sagen, wenn er kommt. Der letzte
Eindruck ist fast so wichtig wie der erste. Alles was er mit sich bringt ist
unerträglich. Man will ihm keinen Platz geben, man will ihn erdrücken oder von
sich schieben. Aber er nimmt sich den Platz den er braucht und egal was man
macht so breitet er sich hemmungslos aus. Um einen ist es grau und blau, wenn
er kommt. Unabhängig vom Wetter so regnet es an den Tagen, an denen er kommt.
Jeder Abschied ist ein kleiner Tod.
Heute musste ich Abschied nehmen von meiner grossen berliner
Liebe. Nach einer zweimonatigen, innigen, liebevollen und abwechslungsreichen
Beziehung wurde heute ein Schlussstrich gezogen. Einfach so. Zwischen Tür und
Angel. Von hier auf jetzt. Mein Fahrrad ist nun endgültig verkauft. Ich
vermisste es schon, als ich es wegrollen sah, denn ich wusste, mit dem Fahrrad
verschwindet auch alles andere. Meine tägliche Fahrradstrecke durch die halbe
Stadt. Das Rumschreien, Rumgrölen und Rumalbern in der Schauspielschule. Alle
wunderbaren Menschen um mich herum. Mein schönes WG-Zimmer. Meine Aussicht auf
die Strassenbahn. Die schönen Nachmittage mit Latte Machiato in den neuköllner
Cafés. Die mittaglichen Picknicks im kreuzberger Park. Die Sommerrollen und
Thai-Nudeln beim Asiaten um die Ecke. Das Schlendern über den türkischen Markt.
Die spontanen Theaterbesuche im Berthold-Brecht-Theater. Das Rumhocken in
verrauchten Bars. Die schönen Graffiti-Wände. Das Multi-Kulti-Leben. Die
veganen Gulasch-Eintöpfe in der WG-Küche. Die morgendlichen Dialog-Proben und
das Vor-Proben-Quatschen. Und zuletzt: Mein Zwischenjahr. Ja, wieder Mal bin
ich an einem Punkt angelangt, wo sich all diese blöden letzten Male anhäufen
und um Aufmerksamkeit schreien. Kann mir mal jemand sagen, wie man damit
umgehen soll? Ich schwanke immer zwischen ignorieren und bewusst wahrnehmen.
Aber wenn ich etwas in diesem Jahr gelernt habe, so ist es, dass es immer und
immer wieder letzte Male, Abschiede und Enden geben wird. Da gibt es wohl
nichts dran zu rütteln, auch wenn es wirklich nicht schön ist.
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