Samstag, 31. Dezember 2011

Tag der Listen

Noch zwei Stunden und dreiundvierzig Minuten. Dann ist das alte Jahr zu Ende und ein neues beginnt. Ich könnte diese zwei Stunden und dreiundvierzig Minuten damit verbringen Dinge aufzulisten, die ich im letzten Jahr gelernt habe oder die mich im letzten Jahr berührt haben die ich im letzten Jahr erreicht habe oder die ich im letzten Jahr scheisse fand. Ich könnte diese zwei Stunden und dreiundfünfzig Minuten auch damit verbringen Dinge aufzulisten, die ich nächstes Jahr machen möchte oder die ich nicht (mehr) machen möchte oder die ich nächstes Jahr machen muss oder die ich nicht machen darf oder die mich nächstes Jahr erwarten oder die mir nächstes Jahr Angst machen werden. Wie bei so vielen Dingen bin ich mir auch bei Folgendem unsicher, ob es nur meine Schnaps-Idee oder ein allgemeines Phänomen unserer modernen Gesellschaft ist: Der 31. Dezember ist der Tag der Listen. Oder?

Je mehr die Zeit zwischen dem 1. Dezember und dem 1. Januar als Fest der Liebe, Familie und Entspannung gepriesen wird, desto mehr stehe ich (wir, ihr, die Menschen) unter Druck. Es muss schön sein, es muss entspannt sein, es muss festlich sein, es muss sich gut anfühlen. Es muss. Es muss sehr viel und darf sehr wenig. Genauso muss man sich ab dem 1. Januar gut ernähren, mehr Sport treiben und besser mit Geld umgehen. Der 1. Januar ist  DER Neuanfang schlechthin. Man schreibt sich Listen mit Versprechen, die man am 2. Januar wieder bricht. Aber was ist, wenn ich nicht bereit für einen Neuanfang bin? Sorry, aber mein Leben spielt nicht im selben Takt wie der Jahreskalender. Was ist, wenn mein Neujahr am 12. März oder am 23. August beginnt?

Ich kann nicht garantieren, dass ich dieses Jahr keine Liste mehr schreibe. Es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass ich dem Druck des Kalenderjahres nachgebe und Punkt für Punkt aufschreibe, was mir ab Morgen verboten ist. Aber ich möchte dieses Jahr noch etwas absolut sinnloses machen. Das spielt ja jetzt keine Rolle mehr, da dieses Jahr ja eh bald vorbei. Hier ist also die sinnloseste Liste, die ich je geschrieben habe. Es ist eine Liste der Telefon-Gespräche im Jahr 2011, bei denen ich mich unwohl gefühlt habe:

1.       Ich war „krank“ und deshalb abwesend in der Schule. Meine Klassenlehrerin hat angerufen um zu fragen wie es mir geht.

2.       Vor meiner Reise nach Brüssel sollte ich meine zukünftige Französisch-Schule anrufen. Ich habe nicht sehr viel von diesem Gespräch verstanden.

3.       Im Zug klingelte plötzlich mein Handy. Es war mein zukünftiger Chef der Migros-Filiale Uznach. Ich habe etwa 10x „Wie bitte???“ ins Telefon gerufen, weil es im Zug so laut war.

4.       Am nächsten Tag sollte einer der zahlreichen Mathe-Tests in meinem Leben stattfinden. Ich kapierte nur Bahnhofe und musste meine Freunde mit Telefonaten terrorisieren.

5.       Ich kontaktierte eine potentielle Gastfamilie in Brüssel via Telefon. Das Gespräch war im Prinzip ein zweistündiges Verhör über mein Leben.

6.       Neues Handy, neue Nummer. Als ich mit eben diesem neuen Handy telefonierte und mich die Person am anderen Ende nach meiner Nummer fragte, musste ich zugeben, dass ich diese nicht auswendig konnte. Ich musste zurückrufen, damit ich meine eigene Nummer auf dem Handy, mit dem ich gerade telefonierte, nachschauen konnte.

7.       Mein Handy hatte während einer Deutsch-Stunde zwei Mal geklingelt. Als ich zurückrief, war es ein potentieller Chef für einen Ferienjob. Ich war total verwirrt und habe wirres Zeug gesagt.


Donnerstag, 10. November 2011

Kinder an die Macht

Wenn ich eines bis jetzt gelernt habe, dann ist es, dass Kinder ihren eigenen Kopf haben. Regeln werden zur Herausforderung, Aufforderungen zum Spiel. Ihre Gedanken mögen vielleicht manchmal etwas wirr klingen, aber im Grunde genommen sind sie total logisch. Vier Beispiele.

Situation Nr. 1: Am Esstisch:

Ich: Du solltest den Apfel, der noch in deiner Brotdose liegt, aufessen.
Er: Nöö.

Ich: Warum nicht?

Er: Weil er nicht in Stücke geschnitten ist. Lange Pause. Kannst du ihn mir in Stücke schneiden?
Ich: Kannst du das nicht selbst?

Er: Nöö.

Nach einer weiteren Pause beginne ich den Apfel in Stücke zu schneiden.
Ich: Wie machst du das denn in der Schule? Das ist der Apfel ja auch nicht in Stücke geschnitten…

Er: Dann esse ich den Apfel nicht.
Ich: Kannst du das denn nicht? Einen nicht-geschnittenen Apfel essen?

Er: Nöö.
Ich (zu seinem Freund, der auch am Tisch sitzt): Kannst du das?

Freund: Jaa.
Ich (wieder zu meinem Aupair-Jungen): Siehst du. Das wär ganz praktisch, wenn du das auch könntest.

Er: Kann ich ja auch.
Ich: Hä?

Er: Aber nur wenn ich will.


Situation Nr. 2: Nochmals am Esstisch:

Die beiden Jungs spielen mit den Ketschup- und Mayonnaise-Flaschen.

Ich: Wir stellen jetzt eine Regel auf! Am Essenstisch bleiben die Esssachen auf dem Tisch und haben nichts in der Luft zu suchen.

Die beiden überlegen sich für einen kurzen Moment, wie sie diese Regel wieder rückgängig machen können.

Er: Aber du, wenn ich jetzt die Ketschup-Flasche zu mir nehmen möchte, dann muss ich die so am Tisch lang schieben (schiebt die Flasche auf eine sehr umständliche Art und Weise zu sich). Und wenn ich meine Nudeln essen möchte, dann kann ich die nicht auf die Gabel nehmen und auch nicht in meinen Mund, weil dann sind die ja nicht mehr auf dem Tisch.

Ich bin paff über diese logische Überlegung und versuche meine doch nicht so geniale Regel anders zu formulieren.

Ich: Esssachen dürfen am Esstisch höchstens während fünf Sekunden vom Tisch gehoben werden.

Die beiden schnappen sich sofort je eine Mayo-Flasche, heben sie in die Lüfte und zählen auf fünf. Danach stellen sie die Mayo-Flasche wieder kurz auf den Tisch und heben sie gleich wieder auf um wieder auf fünf zu zählen. Und so weiter und so fort.



Situation Nr. 3: Und schon wieder am Esstisch. Ich habe bald das Gefühl, dass sich mein Leben nur dort abspielt.

Ich (auf dem Weg zum Aupair-Treffen): So, ich geh dann Mal.

Er: Neeeeeeein. (Schnappt sich meine Hand) Dann halte ich dich jetzt einfach fest.

Ich: Tja, dann muss ich dich wohl mitnehmen. Möchtest du als Accessoire mitkommen?

Er: Jaaaaaaa!

Ich: Da sind ganz viele Mädchen!

Er (zieht seine Hand sofort weg): Iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiihhhhhhhhhhhhhhhhhhh!



Situation Nr. 4: Auf dem Weg zum Fussballtraining:

Er: Weisst du was meine Lieblingskrankheit ist?

Ich: Deine Lieblingskrankheit?!?

Er: Fieber! Weisst du warum?

Ich: Nein…

Er: Weil mir dann immer so heiss ist.

Ich: Aha.. ich bin aber eigentlich ganz gerne gesund..

Er: Nööö dann muss man ja in die Schule. Deshalb find ich Arm-Brechen auch nicht so toll, dann muss man ja trotzdem in die Schule.  


Mittwoch, 26. Oktober 2011

Vous avez acheté votre abonnement de Métro? Alors vous êtes arrivée !

Als ich letztens durch das Zentrum lief, fragte ich mich, wo denn der Métro-Ausgang war, den ich mit meiner Mutter immer benutzt hatte. Ich suchte eine Weile, aber konnte ihn nicht finden. Vielleicht gibt es ihn ja nicht mehr, dachte ich, oder vielleicht habe ich es doch falsch in Erinnerung. Einige Tage später war ich wieder an der gleichen Stelle und plötzlich stand ich auf einer Rolltreppe, die mir verdächtig bekannt vorkam. Ich schaute nach oben und blickte in einen Spiegel, der an der Decke befestigt war. Es war, als sah ich Klein-Elin im Spiegelbild, denn das war der Métro-Ausgang, den ich gesucht hatte, das war der Spiegel, in den ich als kleines Mädchen schon immer geguckt hatte. Es war wie ein Déja-Vue und plötzlich sah ich alles ganz klar vor mir: hier waren wir immer rausgegangen und da hatte wir immer die Strasse überquert. Es war ein weiteres Puzzle-Stück, das sich ganz von allein hinzufügte.

Vieles ist alt. Der verlockende Geruch der Gaufre Belge, der ekelhafte Gestank der Métro, das Geräusch des Stempelautomaten in der U-Bahn, die beiden Landessprachen, die einen wie eine geheimnisvolle Blase umgeben, die stielvollen Reihenhäuser, die prachtvollen Hinterhöfe, die endlosen, grünen Parks, der furchtbare Verkehr, die schimpfenden Belgier, das unebene Trottoir, die sich in der ganzen Stadt verteilenden Hundehaufen, das Herz Europas.

Mindestens genauso viel ist aber auch neu. Es gibt neue Métro- und Tramwagen, City-Fahrräder wurden eingeführt, es wird überall gebaut, neue Geschäfte sind entstanden, die Jesus-Statue auf dem Hauptplatz ist umgezogen (fragt mich nicht wie und warum, aber so stand es auf einem Zettel: Jesus has moved, New address:…oder so ähnlich). Neu bin aber auch ich, mein Status in und mein Verhältnis zu dieser Stadt. Mit neuen Erfahrungen und Gefühlen im Gepäck bin ich zurückgekehrt. Vor acht Jahren war ich einfach nur ein Kind mitten im Wirr-Warr einer Grossstadt. Brüssel war für mich einfach wie ein riesiges Netz, in dem ich zwar keinerlei Orientierung, aber jede Menge Anhaltspunkte hatte. Aus heutiger Sicht war es herrlich einfach zu sein und sich dank Schulbussen, Eltern und ÖV durch den Alltag einer Grossstadt führen zu lassen. Doch seit fast vier Wochen bin ich zum ersten Mal selbständig in der Stadt meiner Kindheit und ich weiss nicht, ob man sich vorstellen kann, wie grossartig es ist ganz alleine mit der U-Bahn zu fahren, die ich früher nur mit meinen Eltern betreten habe, ganz alleine die Strasse entlangzulaufen, die früher zu gefährlich war, ganz alleine dort umzusteigen, wo mich Mamma früher immer an der Hand nahm, weil es so voll mit Leuten war.

Das allermeiste ist aber weder alt noch neu. Das allermeiste habe ich schon einmal gesehen, aber erkenne es nicht wieder. Es sind die Dinge, die ich als Kind unbewusst erlebt und wahrgenommen habe, aber nicht benennen oder einordnen konnte und jetzt plötzlich sonnenklar sind. Es sind die Dinge, die früher keinen Zusammenhang hatten und jetzt plötzlich Sinn machen. Es sind die Dinge, die im Alltag plötzlich aufblitzen und mich an das „alte“ Belgien erinnern. Es ist ein tolles Gefühl, wenn sich alles langsam aber sicher zu einem sinnvollen Ganzen zusammenfügt.

Manchmal fühlt es sich ein bisschen so an, als wäre ich an einem Ort, der gar nicht Brüssel ist, der nur genauso aussieht wie Brüssel, aber wo alles andere, die Menschen, die Gefühle ausgetauscht wurden. Doch dann sind da wieder diese Déja-Vues. Ein Geruch, ein Bild, ein Geräusch, das mir sagt: Du bist jetzt in Brüssel.

Samstag, 1. Oktober 2011

Europa wartet

In den letzten paar Monaten habe ich vieles zum letzten Mal gemacht. Ich bin zum letzten Mal in den Genuss einer Schulstunde gekommen, bin zum letzten Mal mit meiner Klasse als Klasse in einem Schulzimmer gesessen, habe zum letzten Mal eine Gymnasiumprüfung geschrieben. Vor einigen Wochen habe ich zum letzten Mal die Migros-Kunden bedient, zum letzten Mal die Kasse abgerechnet, zum letzten Mal mein Theater-Kostüm angezogen, zum letzten Mal die Bühne betreten, zum letzten Mal Romeo angeschrien. Und vor wenigen Tagen habe ich zum letzten Mal in meinem Bett geschlafen, zum letzten Mal meine Freunde getroffen, zum letzten Mal zu Hause gegessen, zum letzten Mal meine Katze gestreichelt.



Als mir all diese Abschiede, die einen schwerer die anderen leichter, so durch den Kopf gingen wurde mir klar: Für den Moment habe ich genug letzte Male erlebt, ich bin bereit für Neues. Als meine Gastmutter mich also mit "Willkommen in Brüssel!" begrüsste, hiess das für mich gleichzeitig "Willkommen im neuen Lebensabschnitt, Willkommen im Zwischenjahr, Willkommen in der Welt der neuen Erlebnisse". Und obwohl Brüssel für mich kein unbeschriebenes Blatt ist und für viele Déjà-Vus sorgt, so habe ich für die zwei Tage, die ich jetzt hier bin doch schon einige erste Male erlebt:

Ich habe zum ersten Mal mein vorübergehendes Zuhause betreten, ich bin zum ersten Mal alleine in der Brüsseler U-Bahn gefahren, ich habe zum ersten Mal die Kinder in die Schule gebracht, ich habe zum ersten Mal ein Fussball Match des FC St. Michel gesehen, ich habe zum ersten Mal seit langem meine älteste Freundin wieder getroffen, ich habe mich zum ersten Mal mit einem Algerier über die Situation in Nordafrika unterhalten, ich habe zum ersten Mal im Brüsseler Europa-Viertel Frühstück gegessen. Bei letzterem sass ich mit meiner Gastmutter in einem gemütlichen kleinen Café und fühlte mich irgendwie underdressed zwischen all den Geschäftsleuten, die offenbar noch schnell, schnell Energie tanken müssen bevor sie sich in den Arbeitstag stürzen. So auch meine Gastmutter an jenem Morgen. Eilend trank sie den letzten Schluck ihres Kaffees und stellte die Tasse ab. "So meine Lieben, Europa wartet!", sagte sie und stand auf.


Sonntag, 18. September 2011

Klick-Momente

"Manchmal ist man sich der grossen Augenblicke in seinem Leben bewusst, wenn sie passieren, manchmal steigen sie aus der Vergangenheit auf. Vielleicht verhält es sich mit Menschen genauso."

James Salter, Verbrannte Tage


Es gibt Dinge, die wir zueinander sagen, wenn wir uns verabschieden, wenn wir auseinander gehen, wenn wir etwas Grosses vor uns haben. Manchmal sagen wir uns diese Dinge, weil uns ein Mensch am Herzen liegt. Meistens aber sagen wir sie nur um die Stille zu füllen, die wir nicht auszuhalten verkraften. Mit vielen dieser Dinge kann ich nichts anfangen. Sie werden mir zugesteckt, zugeflüstert, in die Hände gelegt. Hilflos stehe ich dann da und würde sie lieber wieder zurückgeben. Nein, mit überflüssigen Worten habe ich nichts am Hut.

„Geniess es! Geniess den Moment!“ Eins dieser Dinge, das schon so oft unbedacht aus irgendwelchen Mündern plätscherte. Was soll ich denn mit dem Moment? Soll ich ihn einrahmen? Mir als Kette um den Hals hängen? Das ist doch genau das Problem mit Momenten: Wir können sie nicht festhalten. Seit längerer Zeit stelle ich mir die Frage, wie ich einen Moment bewusst geniessen kann, ohne ihn zu zerstören. Entweder ich erzwinge den Genuss, und dann bleibt mir für immer nur die Erinnerung des Zwangs. Oder ich versuche einfach zu leben. Zu leben und sorgenfrei durch die zahlreichen Momente zu gleiten. Dann rutschen mir die Augenblicke durch die Finger, entschwinden und steigen dann irgendwann als rosige kleine Erinnerungen aus der Vergangenheit auf.

Manchmal wünsche ich mir einen multifunktionalen, alle Wissenschaften überragenden Fotoapparat. Ein Gerät, das nicht nur das Visuelle, sondern auch Gerüche, Geräusche, Gefühle, Temperaturen, Stimmen, Berührungen aufnehmen könnte. Ein Fotoapparat zur Anwendung aller physisch und emotional wahrnehmbaren Dimensionen. Ein Fotoapparat, der Momente in ihrer vollsten Pracht festhält und immer wieder aufleben lassen kann. Wer könnte dieses Gerät besser beherrschen als der/ die Schreibende? Es sind die Klick-Momente, die ich niemals vergessen, niemals verlassen möchte.




Montag, 5. September 2011

Was ist schon eine Rede

„… und ich bin froh mit euch gearbeitet zu haben. Ihr seid eine echt tolle Truppe, keine Zugfahrt zu euch habe ich bereut. Danke!“ Klatsch klatsch klatsch, jubel jubel. Es war keine aussergewöhnliche Rede, es wurde nichts Unerwartetes oder Überraschendes gesagt. Es war einfach eine dieser Reden, wie man sie an Geburtstagen, Geschäftsessen oder Hochzeiten zu hören bekommt. Für Aussenstehende hört es sich nach typischen 0815-Floskeln an, wie wenn der Sänger von Mando Diao seinem Publikum in Zürich sagt, es sei das beste Publikum, für das er je gespielt habe, in Wirklichkeit aber gar nicht weiss in welcher Stadt er ist. Eventuell könnte man die Rede nicht einmal einem bestimmten Anlass zuordnen. Eine Standardrede gehört zu jedem Fest. Als ich die Theater-Beiz letzten Samstag betrat, war ich mir der Wichtigkeit der bevorstehenden Rede auch gar nicht bewusst. Im Grunde genommen enthielt sie auch nicht einen besonders hohen Informationsgehalt und wäre sie ausgefallen, ich hätte sie nicht vermisst. Aber das aussergewöhnliche an dieser Rede war, dass sie mich betraf. Natürlich ist es nicht die erste Rede die ich höre und auch nicht die erste die mich auf irgendeine Art und Weise betrifft, die Matura-Rede, soll hier, obwohl ich mich an deren Inhalt nicht mehr erinnere, als aktuellstes Beispiel erwähnt sein. Doch die Worte bezüglich meines bzw. unseres Schulabschlusses schienen so naheliegend, so voraussehbar. Ganz anders die Rede in der Theater-Beiz. Zuerst nahm ich sie gar nicht wahr, beugte mich dem Gruppenzwang und klatsche höflich mit. Ich hörte die Rede als Aussenstehende, dachte mir Dinge wie „Wie nett so eine schöne kleine Rede, macht die Stimmung doch gleich etwas festlicher“ oder „Wie erwachsen und reif es doch ist, wenn man einer Rede zuhört“. Doch als die Rede etwa in der Mitte angelangt war, durchfuhr mich plötzlich ein Gedanke und es war mir, als sähe ich die redehaltenden Leute vor mir nun in Farbe anstatt nur in Grautönen, als hörte ich die Worte nun in ihrer vollsten Bedeutung anstatt nur als Aneinanderreihungen von Buchstaben. Ich war sehr Dankbar für diesen Geistesblitz, denn ich war mir plötzlich vollkommen bewusst: Für einmal war ich nicht aussenstehende Zuhörerin, sondern ich war ein Teil dieser Rede, ich war ein Teil dieser Gesellschaft und ich war ein Teil dieser Atmosphäre.

Freitag, 26. August 2011

Zwischendrin.

Ich: Ich würde gerne wissen, wie viel ein Zugticket nach Brüssel kostet.
SBB-Angestellte: Ok. Für welchen Tag?
Ich: Für den 29. September.
SBB-Angestellte (tippt etwas auf ihrem Computer): Kommen Sie auch wieder zurück?
Ich: Ehm.. Nein. Nein, vorläufig nicht.



Auf Reisen bin ich anders. Auf Reisen bin ich ein Übergangsmensch. Weder da noch dort. Noch nicht angekommen und noch nicht abgereist. Zwischendrin, zwischendurch, zwischen zwei Welten bin ich dann.

Auf Reisen weiss ich nicht wo ich bin. Bin ich da? Bin ich dort? Bin ich Zuhause? Bin ich fort?

Auf Reisen bin ich geschützt. Wenn ich in den Zug steige, wenn ich durch den Flughafen laufe, wenn ich mein Gepäck hinter mir her ziehe bewege ich mich in einer Blase. Eine Blase, die mich vor allem schützt, was mich auf seine Seite ziehen will. Auf Reisen lasse ich mich nicht beeinflussen, auf Reisen bin ich in meiner eigenen Welt, aus der mich kein noch so verlockendes Angebot holen kann.

Ich mag es nicht anzukommen, ich mag es nicht loszufahren. Aber ich mag es unterwegs zu sein. Ich bin gerne zwischendrin.