Noch zwei Stunden und dreiundvierzig Minuten. Dann ist das alte Jahr zu Ende und ein neues beginnt. Ich könnte diese zwei Stunden und dreiundvierzig Minuten damit verbringen Dinge aufzulisten, die ich im letzten Jahr gelernt habe oder die mich im letzten Jahr berührt haben die ich im letzten Jahr erreicht habe oder die ich im letzten Jahr scheisse fand. Ich könnte diese zwei Stunden und dreiundfünfzig Minuten auch damit verbringen Dinge aufzulisten, die ich nächstes Jahr machen möchte oder die ich nicht (mehr) machen möchte oder die ich nächstes Jahr machen muss oder die ich nicht machen darf oder die mich nächstes Jahr erwarten oder die mir nächstes Jahr Angst machen werden. Wie bei so vielen Dingen bin ich mir auch bei Folgendem unsicher, ob es nur meine Schnaps-Idee oder ein allgemeines Phänomen unserer modernen Gesellschaft ist: Der 31. Dezember ist der Tag der Listen. Oder?
Je mehr die Zeit zwischen dem 1. Dezember und dem 1. Januar als Fest der Liebe, Familie und Entspannung gepriesen wird, desto mehr stehe ich (wir, ihr, die Menschen) unter Druck. Es muss schön sein, es muss entspannt sein, es muss festlich sein, es muss sich gut anfühlen. Es muss. Es muss sehr viel und darf sehr wenig. Genauso muss man sich ab dem 1. Januar gut ernähren, mehr Sport treiben und besser mit Geld umgehen. Der 1. Januar ist DER Neuanfang schlechthin. Man schreibt sich Listen mit Versprechen, die man am 2. Januar wieder bricht. Aber was ist, wenn ich nicht bereit für einen Neuanfang bin? Sorry, aber mein Leben spielt nicht im selben Takt wie der Jahreskalender. Was ist, wenn mein Neujahr am 12. März oder am 23. August beginnt?
Ich kann nicht garantieren, dass ich dieses Jahr keine Liste mehr schreibe. Es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass ich dem Druck des Kalenderjahres nachgebe und Punkt für Punkt aufschreibe, was mir ab Morgen verboten ist. Aber ich möchte dieses Jahr noch etwas absolut sinnloses machen. Das spielt ja jetzt keine Rolle mehr, da dieses Jahr ja eh bald vorbei. Hier ist also die sinnloseste Liste, die ich je geschrieben habe. Es ist eine Liste der Telefon-Gespräche im Jahr 2011, bei denen ich mich unwohl gefühlt habe:
1. Ich war „krank“ und deshalb abwesend in der Schule. Meine Klassenlehrerin hat angerufen um zu fragen wie es mir geht.
2. Vor meiner Reise nach Brüssel sollte ich meine zukünftige Französisch-Schule anrufen. Ich habe nicht sehr viel von diesem Gespräch verstanden.
3. Im Zug klingelte plötzlich mein Handy. Es war mein zukünftiger Chef der Migros-Filiale Uznach. Ich habe etwa 10x „Wie bitte???“ ins Telefon gerufen, weil es im Zug so laut war.
4. Am nächsten Tag sollte einer der zahlreichen Mathe-Tests in meinem Leben stattfinden. Ich kapierte nur Bahnhofe und musste meine Freunde mit Telefonaten terrorisieren.
5. Ich kontaktierte eine potentielle Gastfamilie in Brüssel via Telefon. Das Gespräch war im Prinzip ein zweistündiges Verhör über mein Leben.
6. Neues Handy, neue Nummer. Als ich mit eben diesem neuen Handy telefonierte und mich die Person am anderen Ende nach meiner Nummer fragte, musste ich zugeben, dass ich diese nicht auswendig konnte. Ich musste zurückrufen, damit ich meine eigene Nummer auf dem Handy, mit dem ich gerade telefonierte, nachschauen konnte.
7. Mein Handy hatte während einer Deutsch-Stunde zwei Mal geklingelt. Als ich zurückrief, war es ein potentieller Chef für einen Ferienjob. Ich war total verwirrt und habe wirres Zeug gesagt.